Geschmack ist nicht Design
- Gabriele Schobess
- 29. Juli
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 30. Juli
Ich bin so müde. Müde diese miesen schlecht gestalteten mit KI erstellten Grafiken, Layouts, Bilder anzuschauen. Sloppy. Sloppy ist müde.
Fast 3 Jahrzehnte habe ich im Digitalen Bereich gearbeitet. Digitalte Identitäten für Marken, Menschen konzipiert und erstellt. Mit den besten Grafik-Designer:innen aus der Szene zusammengearbeitet. Über Farben, Typografie, Bildsprache und Layouts gestritten. Briefings für Foto-Shootings erstellt, Corporate Designs auf das Internet übertragen. Gemeinsam mit Designer:innen überlegt: wie muss es sich anfühlen? Was wollen wir erreichen mit dem Design? Wer ist die Zielgruppe? Welche Farben für welche Headline? Farbwelten entstanden. Farb-Boards, die festlegten welche Farben für was genutzt werden, Standard, Highlight, Aktion, Mouseover ... . Wir haben Mood-Boards erstellt, Benchmarking ernst genommen und bei Traditionsmarken darauf geachtet, was ist da? Was ist der Markenkern. Tolle Layouts sind entstanden und so manches sieht auch nach mehreren Jahrzehnten immer noch gut aus und funktioniert noch. Preise gewonnen. Icons und Designelemente entwickelt um Rahmen zu schaffen. Ich möchte mal sagen: ich war als Art Directorin unterwegs und habe entscheidend an so manchen Marken-Persönlichkeiten mitgewirkt.
Design ist für mich mehr wie "das gefällt mir". Design ist für mich alles. Ich liebe gutes Design und das hört nicht auf bei Gestaltungen von Marketingspezifischen Themen. Ich liebe es, wenn ich gut und sicher mit gestalterischen Elementen durch Parkhäuser, Einkaufszentren, Freizeitparks geleitet werde. Ich mag es, wenn die Benutzeroberfläche so gestaltet ist, dass ich einfach und leicht mein Ziel erreiche auch in Prozessen, dann nennt es sich Service Design. Design ist politisch sagt Johannes und ja, so ist es. Im Gegenzug dazu hasse ich Museums-Shops, da ich dort meistens zu viel Geld liegen lasse, für schön gestaltete Bücher, Poster oder sonstiges.
Was mich aber seit Jahrzehnten müde und betroffen macht, ist den Anspruch, den alle Menschen auf Mitgestaltung beim Design, mitreden und selbst gestalten erheben. Wenn es dabei um die eigene Website oder die Gestaltung deines Hauses, deines Bereiches geht: feel free! Es ist mir wurscht, ob du eine Schrift mit oder ohne Serifen, 15 verschiedene Schriftarten, Schriftschnitte oder Größen in deinem Booklet auf deiner Website hast, wenn es um dein eigenes Business geht und du ohne Designerin klar kommen willst, do it! Ich muss dich ja nicht buchen. Es ist mir wurscht, wenn du dein Haus senfgrün streichst. Es ist mir egal, welche Kleidung du trägst. Das alles stört mich nicht.
Du bist wie ich, wenn du bei dem Satz "die Glas-Optik bei Buttons" die Augen rollst <3
Mich stört das:
Der Marketing-Manager aus dem Mittelstand, der egal ob es zur Marke passt oder nicht festlegt, dass die Buttons doch bitte die "Glasoptik" von Apple haben sollen. DAS war wirklich die Hölle Anfang der 2000er Jahre. ALLE, wirklich alle. Wenn du jetzt die Augen automatisch nach oben rollst, dann kommst du aus dem gleichen Stall wie ich ;-). Heute sind es andere aber gleich schlimme Wünsche, immer wieder auch gerne zitiert, dass "wir-packen-an-im-segelboot-bild" oder "auf-dem-gipfel".
Kleiner Nebenschauplatz: besonders bedauerlich finde ich übrigens auch, dass im Handwerk das Thema Design keine, aber auch gar keine Rolle spielt in der Ausbildung. Fahrt hier mal über's Land: Ein Katastrophen-Gebiet des schlechten Designs. Ich sag es euch. Bücherfüllend könnte ich schlimme Drechselarbeiten, Schmiede-"Kunst" und sonstige gruselige Handwerksarbeiten dokumentieren. Den Handwerkern gefällt's. Leider auch so manchen Kunden und ja schade drum.
Wie der Filter "Sepia" nur in unprofessionell und schrecklich.
Und dann noch das mit der KI: Slop. Sloppy, Slopper. All diejenigen die mit ihren schlimmen, schlimmen mit KI erstellten Grafiken das Internet zumüllen, manchmal im Auftrag von Communities und Organisationen. Ich nenne es Hitler-Barock 2.0, diese matschartige, braune Colorierungen, die diesen Bildern anhaftet. Wie der Filter "Sepia" nur in unprofessionell und schrecklich.
Aktuell außerdem problematisch: Das Dekolleté der Frauen zu tief, der Busen und die Lippen zu voll, die Schuhe zu hoch und das Kleid zu kurz. Langhaarig sowieso. Sie schauen hinter Männern stehend auf die Bildschirme, da sie mit ihren langen Nägeln leider nicht in der Lage sind die Tastatur zu bedienen. Dünn sind sie außerdem und haben wohl schon längere Zeit nichts gegessen. Grau, Glas, Beton dominieren das Ambiente. Zum schlechten Design gesellt sich kichernd und ins Fäustchen lachend der Gender Bias.
Anders bei Bildgestaltungen in Form von Wiesen, Landschaften, Szenerien: Die Accessoires auf Bildlandschaften sind aus den 20ern, 30ern, 40ern (Hitler-Barock 2.0 ich hatte es schon erwähnt), fehlt nur noch der mankellsche Auerhahn in der Landschaft. Aber am schlimmsten ist der Braunton. Oft würden diese Bilder erst dann Sinn ergeben, wenn ein Blau-rotes Logo einer hoffentlich irgendwann einmal verbotenen Partei darauf abgebildet werden würde: Ein gestern, dass es so nicht mehr gibt.
Über Geschmack lässt sich nicht streiten und hier stimme ich zu. Aber über Design, darüber lässt sich streiten und ich mache hier meinen persönlichen Auftakt.
Um es noch einmal zu schärfen:
Geschmack kommt sicherlich von schmecken und glücklichweise ist der bei Menschen verschieden. Wir kleiden uns unterschiedlich, essen was wir wollen und mögen. Viele Kino-Genres bedienen die unterschiedlichsten Geschmäcker und Vorlieben. Ja, Diversität ist was wunderbares und das darf gerne unter "wie es euch gefällt" weiterlaufen. Hier muss mir alles was mir nicht gefällt auch nicht schmecken. Meine Toleranz ist hier auch entsprechend groß. Soweit so gut.
Design ist etwas anderes. Auch hier muss mir nicht alles gefallen, ABER es erfüllt eine bestimmten Zweck für seine Zielgruppe, für diejenigen die angesprochen werden sollen. Manchmal gehöre ich da nicht dazu und dann ist es auch Ok wenn es mir nicht gefällt. Ich kann aber in diesen Fällen das WARUM meisten nachvollziehen. Und hier kommen jetzt die Profis ins Spiel.
Ich entscheide mich aufgrund von mißlungenen und nicht durchdachten Gestaltungen durchaus auch mal GEGEN etwas. OBWOHL ich zur Zielgruppe gehöre. Dann kann ich das begründen indem ich herleiten kann warum es mich nicht anspricht (Bildsprache, Farbwelt, Tonalität, ...). Andere empfinden vielleicht nur ein Unwohlsein und bleiben einfach weg, fühlen sich ebenfalls nicht angesprochen.
Einatmen - ausatmen hilft zumindest mir NICHT mehr
Bitte, bitte überlasst die Gestaltung denjenigen, die was davon verstehen oder verzichtet einfach auf Content mit Bilddarstellungen. Oder lasst euch wenigstens ein bißchen beraten dazu. Oder nutzt Canva in der kostenlos Version. Verschont aber uns Design-Junkies damit. Uns geht es damit nämlich richtig schlecht mit unseren Entzugserscheinungen nach gutem Design und einatmen - ausatmen hilft zumindest mir NICHT mehr. Ich kann diesen Mist nicht mehr ertragen und wegatmen.
Nicht umsonst gibt es ein Studium mit dem Namen Grafik Design, Kommunikations Design, Medien Design, Illustration, Kunst, Produkt Design, etc.. Menschen die diese Studiengänge durchlaufen haben, haben das Zusammenspiel von Farben, Typografie, Layout mit Raster, Weißraum, Proportionen, Funktion, etc. gelernt. Nicht zuletzt ein eigener Stil, eine eigene Sprache entwickelt. Wir haben oft bei neuen Projekten überlegt, welche:n Designer:in wir für dieses Projekt buchen. Welcher Stil passt am besten zu diesem Kunden, zu dieser Marke, zu diesem Projekt. Das kann wesentlich sein.
Wir haben oft bei neuen Projekten überlegt, welche:n Designer:in wir für dieses Projekt buchen: Welcher Stil passt am besten zu diesem Kunden, zu diesem Projekt?
Warum glauben alle, dass die Möglichmachung von Design über KI dieses Know-How ersetzt, während im Gegenzug andere Bereiche wie bspw. HR hier nicht in Frage gestellt werden? Ich kann mir ja schließlich auch ein Konzept im Kontext zu "HR" von KI erstellen lassen. Bin ich dadurch eine HR Expertin?
Ich kenne Designer:innen, die KI nutzen und das ist auch sinnvoll, gut und muss fast so sein. Es sei den es ist handgemacht mit Stift, Farbe oder als Collage oder eine persönliche Vorliebe auf das System der eigenen Wahl zu setzen. Jedoch gibt es immer einen Unterschied zu den Sloppy-Designs: Sie wissen was sie tun und können ihr Prinzipien und ihren persönlichen Stil darauf übertragen und anwenden. Und dann solange feilen, bis es für sie passt und sie sich und ihren Stil wiedererkennen. Es bietet neue Möglichkeiten in der Gestaltung und beschleunigt sicherlich auch das eine oder andere Projekt. Ich freue mich immer, wenn ich ein mit KI erstelltes gelungenes Meisterwerk sehe und bin gespannt was da noch kommt.
Bei mir entscheidet gutes Design über "buchen" oder "nicht buchen". Ich nehme Abstand, wenn mir das Design überhaupt nicht gefällt. Nochmal: ich liebe gutes Design.
Gewidmet den vielen wirklich guten Designer:innen mit denen ich bisher zusammenarbeiten durfte oder deren Layouts, Illustrationen und Designs mein Leben bereichern: Adrian Bauer, Regina Steiner, Samira Marke, Sabrina Blank, Arnold Kumorzie, Ines Kahl, Andrea Rubow um nur einige zu nennen. Aber auch den vielen, vielen anderen guten Designer:innen: Ein dickes Danke an euch, dass ihr die Welt schöner und begreifbarer macht mit euren Gestaltungen.




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