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Du kannst mir gar nichts. Du nicht.


Ich bin ein Kind der späten 60ern und ich wurde so erzogen. Wobei: Mein Vater, der gerne einen Sohn gehabt hätte, gab mir, solange ich ein Kind war ungewohnten Spielraum, kurze Haare, Lederhosen, Messer, in Bäumen klettern, für mich normale Kindheit. An der grundlegenden Erziehung zur gehorchenden, zurückstehenden weiblichen Position, die für mich vorgesehen war, änderte das jedoch reichlich wenig. Ich kapierte das später. In der Pupertät. Bulemie, Ritzen, Brandwunden, Magersucht. Ihr kennt das. Oder auch nicht, dann Gratulation. Heiraten war vorgesehen für mich, jemand der für mich sorgt. Die Aussteuer bekam ich in Form von länglichen Päckchen an jedem Geburtstag überreicht. Als Kind fängst du allerdings mit einem silbernen WMF Besteckteil recht wenig an. Und bis so ein Besteck vollständig ist - ich sage euch es vergingen viele Geburtstage und ich HASSTE diese länglichen Päckchen. Eines meiner ersten Ziele aus diesem Grund: "Ich werde niemals heiraten und Kinder haben".


50 Jahre später aber, erinnere ich mich genau daran. Die Selbstzweifel sind vorübergehend wieder da. Dennoch. Ich zweifle zwar oft und lustvoll an mir, aber manchmal stellt sich auch bei mir das Gefühl ein: Nein, dass passt so nicht. Ich widerspreche. Und gewinne einen Prozess gegen einen „Kollegen“. Das ist zwar anstrengend, aber auch sehr genußvoll. Lustvoll. Viele Steilvorlagen, gegeben durch den Widersacher. Ich spüre mich und muss mich dabei nichtmal ritzen. Kenne mich zwischenzeitlich. Meine Intelligenz.


Jede Zeile des endgültigen Urteils, das zu meinen Gunsten ausgeht, lese ich als: Du bist OK. Es hat mit mir und meiner Selbstverständnis  zu tun. Und alleine darum bin ich dankbar das ich es durchgezogen habe. Taff, sehr, sehr taff, für mich eingestanden bin. Der Anwalt hat die Dokumente und Formulierungen oft 1:1 übernommen. Formuliert von mir und meiner Mitklägerin. Radikal irgendwie. Aber durchdacht.


Warum ist das Gewinnen hier „lustvoll“? Ich war und bin immer wieder Machstrukturen ausgesetzt, die ich kaum oder wenig beeinflußen kann. Und ich mach mich jetzt mal komplett „nackig“ (so krass wie diese Formulierungen mein Leben bestimmen wollen und gleichzeitig einfach falsch sind). Es war sehr anstrengend und aber auch spannend und lehrreich sich einem  MANN,  der es gewohnt ist das sich im NIEMAND widersetzt, durchzusetzen. Sich selbst zu vertreten und zu verstehen: ich bin hier diejenige die in Ordnung ist. Nicht er. Falsch gedacht du Arsch. Ich habe mich widersetzt und ich habe gewonnen.


Ich habe mich jemanden entgegengestellt, der seinen Status, seinen Habitus, seine Position, seinen Titel, seine Aura benutzte um mich klein zu machen. Mich zu reduzieren. Mir Unfähigkeit zuzuschreiben. Ich habe mich einem Menschen gegenübergestellt, der mir akademisch überlegen ist. Aber auch nur da. Sonst nicht. Er hat mich komplett unterschätzt. Weil ich bin wie ich bin. Er dachte: DIE, die bekomme ich klein.


Ich habe keinen akademischen Hintergrund. Ich fühle mich (manchmal) nicht ausgebildet. Ich zucke zusammen, wenn Menschen ihren Bildungshintergrund direkt in den Vordergrund stellen. Weil ich keinen habe. Oder ihren IQ - wie bei dem erwähnten Berater - der gleich beim ersten Gespräch erzählte, dass er einen sehr hohen IQ habe. Eine Maßeinheit - tbd. wie die dieser erhoben wird. Bildungsvordergrund? Bin ich deswegen unterlegen? Nö. Ich diskutiere oft und häufig mit Akademiker:innen. Habe fast ausschließlich Akademiker:innen im Freundeskreis. Mit denen ich spreche, diskutiere. Diese Diskussionen haben mich gestärkt. Auch die mit meinem Mann. Soziologe. Ich habe gewonnen. Er wollte mir mein Honorar nicht - oder nicht im vollem Umfang zahlen. Er musste. So entschied das Gericht. Im entscheidenden Moment, fragte die Richterin nach den Ergebnissen der Gruppenarbeit und zeigte meine gemeinsam mit den Teilnehmer:innen erarbeitete Matrix. Meine Ergebnisse und sein kümmerliches selbst beigetragenen oben rechts in der Ecke. Er habe seine Gruppe nicht zum arbeiten bekommen.


Es war ein sehr heißer Sommertag. Der Workshop, der Gegenstand eines zweijährigen Prozesses wurde, war vorbei. Ich fuhr erleichtert vom Parkplatz. Öffnete meine aktuelle Playliste. Laibach. So long farewell. Auf Wiedersehen. Goodbye. Ich öffnete alle Fenster meines Autos, draußen war es heiß, sehr heiß und sang laut mit. Auf dem Gehweg der Straße an der ich vorbeifuhr saß eine Frau mit Lockenwicklern und schaute mir erstaunt nach, als ich „Auf Wiedersehen – Goodbye“ schreiend an ihr vorbeifuhr. Ich werde diesen Moment nicht vergessen.

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